Es gibt eine bequeme Vorstellung von Künstlicher Intelligenz: Man kippt Daten hinein, das Modell lernt von allein, am Ende kommt etwas Kluges heraus. In dieser Erzählung kommen keine Menschen vor. Sie ist deshalb so beliebt, weil sie niemandem etwas schuldet.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Damit ein Chatbot nicht bei der ersten Gelegenheit rassistische Tiraden oder Anleitungen zum Suizid ausspuckt, muss jemand der Maschine vorher zeigen, was genau das ist. Jemand muss die schlimmsten Texte und Bilder des Internets lesen, ansehen und markieren – Stunde um Stunde, Schicht um Schicht. Diese Menschen sitzen überwiegend nicht im Silicon Valley. Sie sitzen in Nairobi, Manila, Caracas und Antananarivo. Und über die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, verhandelt gerade ein Gericht.
Halten wir kurz inne bei einer von ihnen. Vor einem Bildschirm sitzt ein Mensch und sortiert Gewaltbeschreibungen – Missbrauch, Folter, Suizid. Nicht einmal, sondern hunderte Male am Tag. Nicht als Ausnahme, sondern als Schicht, acht Stunden lang, Monat um Monat. Am Ende dieser Schichten steht das, was wir später als höfliche, „sichere“ KI erleben.
Die Arbeit, die unsichtbar gemacht wird
Die Soziolog:innen Mary Gray und Siddharth Suri haben dafür einen Begriff geprägt: „Ghost Work“ – Geisterarbeit. Bezahlte, aber gezielt unsichtbar gemachte Arbeit, die automatisierte Systeme erst funktionsfähig macht: Datenannotation, Inhaltsklassifikation, Content-Moderation. Die Geografie ist dabei kein Zufall. Die Auftraggeber sitzen in den USA und Europa, ausgeführt wird in Kenia, auf den Philippinen, in Indien, Venezuela, Kolumbien, Madagaskar.
Der bekannteste Fall wurde im Januar 2023 öffentlich. Das Magazin TIME dokumentierte – gestützt auf hunderte Seiten interner Dokumente einschließlich Gehaltsabrechnungen –, dass OpenAI Ende 2021 den Dienstleister Sama in Nairobi beauftragte, toxische Textpassagen für den ChatGPT-Filter zu labeln. Die Labeler:innen erhielten netto zwischen 1,32 und 1,44 Dollar pro Stunde, Qualitätsanalyst:innen bis zu 2 Dollar. Die Rate, die OpenAI an Sama zahlte, lag bei 12,50 Dollar pro Stunde. Die Arbeit selbst bestand darin, Beschreibungen von Kindesmissbrauch, Folter und Suizid zu lesen und einzuordnen.
Bevor daraus eine zu glatte Geschichte wird, gehört der Faktencheck dazu – auch da, wo er das Bild kompliziert. Sama bestreitet Teile der Darstellung: höhere Nettolöhne, weniger Passagen pro Schicht, verfügbare Therapieangebote. OpenAI erklärte, Bezahlung und psychologische Betreuung lägen in Samas Verantwortung; die belastende Arbeit sei nötig, um Nutzer:innen zu schützen. Und praktisch die gesamte Weltberichterstattung über „unter zwei Dollar die Stunde“ geht auf diese eine TIME-Investigation zurück. Sie ist durch Gegenstellungnahmen und Gerichtsakten abgesichert, aber sie bleibt eine Quelle.
Noch wichtiger ist eine Korrektur, die ich der Redlichkeit schuldig bin. Es kursiert die Behauptung, diese Löhne seien Hungerlöhne weit unter dem kenianischen Durchschnitt. So einfach stimmt das nicht. Nach der TIME-Recherche und einer Lohnerhöhung lagen die Bezüge bei rund 2,20 Dollar die Stunde – das ist etwa das Dreifache des Mindestlohns und liegt deutlich über typischen Einkommen im informellen Sektor, der rund 80 Prozent der kenianischen Beschäftigung ausmacht. Es liegt aber unter dem Durchschnittsverdienst der formellen Lohnarbeit. Das „guter Job nach lokalem Maßstab“-Argument trägt also für die Masse des Arbeitsmarkts – und es beantwortet weder die Frage der psychischen Schäden noch die, wer den eigentlichen Wert abschöpft.
Was die Arbeit mit Menschen macht
Damit zum Teil, der sich nicht in Dollar messen lässt. Seit Dezember 2024 liegt bei einem Gericht in Nairobi ein psychiatrisches Gutachten: Der Leiter der Psychiatrie am Kenyatta National Hospital untersuchte 144 von damals 185 Kläger:innen, die für Meta Inhalte moderiert hatten. 81 Prozent stufte er als schwere PTBS-Fälle ein – posttraumatische Belastungsstörung, dieselbe Diagnose, die man von Kriegsrückkehrer:innen kennt.
Die Zahl ist erschütternd. Sie ist kein Urteil, sondern Teil der Klageakten – ein Parteigutachten, dessen Untersuchte sich selbst gemeldet haben. Man sollte sie nicht als objektiv festgestellte Tatsache verkaufen. Aber sie zeigt, worum hier gestritten wird: nicht nur um Lohn, sondern um Verletzung. Auf den Befund hat Meta inhaltlich nicht geantwortet.
Warum Nairobi der wichtigste Schauplatz ist
Der eigentliche Durchbruch ist juristisch, und er ist leicht misszuverstehen. Schlagzeilen wie „Gericht stützt Moderatoren“ klingen nach gewonnenem Prozess. Das ist es nicht – noch nicht.
Was feststeht: Kenianische Gerichte haben sich für zuständig erklärt, über Meta zu urteilen. Der Court of Appeal hat das im September 2024 rechtskräftig bestätigt – Metas Berufungen wurden „mit Kosten“ abgewiesen. Das ist ein global beachteter Präzedenzfall: Ein US-Konzern kann im Land seiner Auftragsarbeit belangt werden, obwohl er sich seit Jahren darauf beruft, gar nicht der Arbeitgeber zu sein. Mit genau dieser Argumentation ist Meta in allen Zuständigkeitsfragen unterlegen. Die Entscheidungen von 2026 dagegen sind Verfahrensbeschlüsse – Vertagungen, die Ladung einer Meta-Direktorin zum Kreuzverhör, die Ablehnung eines Abweisungsantrags. Ein Sachurteil über Zwangsarbeit, Union Busting oder Entschädigung gibt es nicht.
Wie real die Machtfrage hinter den Verfahren ist, zeigte sich im April 2026. Sama kündigte die Entlassung von 1.108 Beschäftigten in Nairobi an, Kenias größte Tech-Entlassungswelle, nachdem Meta den Vertrag beendet hatte.
Das ist der Kern des Streits: Wer ist der „wahre Arbeitgeber“, wenn tausend Jobs an der Entscheidung eines einzigen US-Kunden hängen?
Warum dieser Präzedenzfall über das Arbeitsrecht hinausstrahlt, zeigt ein zweites Verfahren am selben Ort. In Nairobi läuft auch eine Klage gegen Meta wegen der algorithmischen Verstärkung von Gewaltaufrufen im äthiopischen Bürgerkrieg, eingebracht unter anderem von Hinterbliebenen eines ermordeten Wissenschaftlers; gefordert wird ein Opferfonds in Milliardenhöhe. Ein kenianisches Gericht hat sich 2025 auch dafür für zuständig erklärt. Dass ein Gericht des Südens über die Algorithmen eines US-Konzerns verhandelt, war vor wenigen Jahren undenkbar. Hier sollte ich offenlegen: Amnesty International, das die Klage öffentlich macht, ist selbst Verfahrensbeteiligte – das ist keine neutrale Quelle, sondern eine interessierte.
Und das Muster wandert weiter, sobald die Aufmerksamkeit nachlässt. Als die Bedingungen in Kenia vor Gericht landeten, verlagerte sich Metas Moderation teils nach Ghana, wo Recherchen noch schlechtere Verhältnisse beschreiben. Auch das hängt an einer einzelnen Investigation, gehört aber zur Dynamik: Wo Beschäftigte sich wehren, sucht die Lieferkette den nächsten Ort mit weniger Gegenwehr.
Es ist nicht nur Kenia
Das Muster reicht weit über Nairobi hinaus. In Venezuela bezifferte ein Manager der Plattform Remotasks den Durchschnittslohn gegenüber der MIT Technology Review auf „etwas über 90 US-Cent pro Stunde“; der Selbstversuch der Reporterin brachte 11 Cent für zwei Stunden. Die Washington Post dokumentierte 2023 auf den Philippinen mindestens 10.000 Remotasks-Beschäftigte mit teils einbehaltenen Zahlungen. Im März 2024 schaltete dieselbe Plattform Kenia, Nigeria und Pakistan über Nacht komplett ab, ohne brauchbare Vorwarnung. Und eine peer-reviewte Studie über die Kette zwischen Frankreich und Madagaskar belegt mehrstufige Auslagerung französischer KI-Firmen zu Armutslöhnen. Der Forscher Antonio Casilli ordnet KI als „eine der extraktiven Industrien unserer Epoche“ ein – seine Deutung, ausdrücklich.
Bemerkenswert ist, dass sich die Betroffenen organisieren. Im Mai 2023 stimmten über 150 Moderator:innen in Nairobi für die Gründung der African Content Moderators Union; im Februar 2025 folgte die Data Labelers Association Kenia, die in der ersten Woche 339 Mitglieder zählte. Auch hier die ehrliche Fußnote: Die Gründungsveranstaltung der Moderator:innen-Gewerkschaft wurde von der nördlichen NGO Foxglove organisiert und bezahlt, finanziert unter anderem von der Ford Foundation. Das spricht nicht gegen die Anliegen – aber es gehört zur Paternalismus-Frage, die uns in Teil 4 noch beschäftigt: Wer spricht hier eigentlich für wen?
Kolonialismus – oder einfach Kapitalismus?
Jetzt der unbequeme Einwand, den ein marxistisches Publikum als Erstes stellt, und zu Recht. Niedriglohnarbeit, ausgelagert dorthin, wo Arbeit billig ist, abgeschöpft von dem, der das Kapital hält – ist das nicht schlicht Kapitalismus, wie er seit zweihundert Jahren funktioniert? Braucht es dafür das Wort „Kolonialismus“, oder schmückt es nur eine altbekannte Ausbeutung mit historischem Pathos?
Der Einwand hat Substanz, und die stärkste Gegenposition macht es sich nicht leicht. Erstens gibt es einen dokumentierten Entwicklungspfad über Dienstleistungsexport: Die philippinische BPO-Industrie, das historische Vorbild der KI-Datenarbeit, erwirtschaftete 2025 rund 40 Milliarden Dollar mit 1,9 Millionen Beschäftigten und über acht Prozent Anteil an der Wirtschaftsleistung. Aus Call-Center-Arbeit, lange als seelenlos verschrien, ist ein Mittelschichts-Motor geworden. Zweitens zeigt die methodisch beste Feldstudie zu KI am Arbeitsplatz, veröffentlicht im Quarterly Journal of Economics, dass KI-Assistenz gerade die Unerfahrensten am stärksten produktiver macht – plus 34 Prozent gegenüber 14 im Schnitt. Wenn das stimmt, könnten Arbeitskräfte des Südens relativ am meisten profitieren. Das ist eine plausible Extrapolation aus einer Branche, keine bewiesene Zukunft, aber sie steht im Raum.
Die ehrliche Gegenfrage zu diesem Optimismus lautet: Was, wenn KI ausgerechnet die Einstiegstätigkeiten automatisiert, über die der Aufstieg bisher lief? Die Datenannotation, das Tagging, die simple Klassifikation – das sind die ersten Sprossen einer Leiter. Wenn die Maschine sie selbst erklimmt, schließt sich der Weg möglicherweise gerade für die afrikanischen Nachzügler, denen man ihn eben noch versprochen hat. Beide Seiten argumentieren an dieser Stelle mit ungedeckten Wechseln auf die Zukunft, und wer das verschweigt, betreibt Prognose als Gewissheit.
Ich halte die marxistische Skepsis trotzdem für produktiv, nicht für entwarnend. Sie zwingt zur Präzision: Was das Kolonial-Vokabular hinzufügt, ist die räumliche und rassifizierte Dimension – dass die Lasten dieser Wertschöpfung systematisch in denselben Weltregionen landen, die schon der historische Kolonialismus ausgebeutet hat, während Eigentum und Entscheidung anderswo bleiben. Ob man das „Kolonialismus“ nennt oder „Kapitalismus mit geografischem Gedächtnis“, ist am Ende weniger wichtig als der belegbare Befund darunter: Die Arbeit ist real, die Schäden sind real, und die Verhandlungsmacht ist extrem ungleich verteilt – ein einziger US-Kunde kann tausend Existenzen über Nacht beenden.
Was das für NGOs bedeutet
Wer KI-Tools einsetzt, nutzt das Produkt dieser Arbeit – ob bewusst oder nicht. Wenn wir KI als sauberes Werkzeug einkaufen, kaufen wir diese Vorgeschichte mit ein. Daraus folgt nichts Moralistisches, aber zwei konkrete Dinge.
Erstens: Fragt bei Anbietern nach der Lieferkette. Wo wird annotiert, zu welchen Bedingungen, gibt es ein unabhängiges Rating? Das Fairwork-Projekt der Universität Oxford bewertet Plattformen nach fairen Arbeitsstandards – Scale/Remotasks kam in einer Runde auf 1 von 10 Punkten. Solche Ratings geben euch ein Argument an die Hand, das über „Bauchgefühl“ hinausgeht.
Zweitens: Macht die Arbeit sichtbar, wenn ihr über KI redet. Die wirksamste Form der Solidarität mit Datenarbeiter:innen ist nicht Mitleid, sondern Öffentlichkeit – Zitieren, Verlinken, die Verfahren in Nairobi mitverfolgen. Genau diese Öffentlichkeit war es, die überhaupt zu Lohnerhöhungen und Gerichtsverfahren geführt hat.
Fazit
Wessen Arbeit steckt in der KI? Die von Menschen, deren Existenz die Erzählung von der selbstlernenden Maschine gezielt verschweigt. Sie verdienen mehr, als das Klischee vom Hungerlohn behauptet, und weniger, als ihre Arbeit wert ist – und manche von ihnen tragen die psychischen Schäden ein Leben lang.
Zum ersten Mal lässt ein Gericht des Südens einen US-Konzern nicht entkommen. Ob daraus materielle Verbesserung wird oder nur ein Präzedenzfall in den Akten, ist offen.
Das Bemerkenswerte ist, dass sich daran etwas bewegt – aber an einer überraschenden Stelle. Nicht die Bezahlung hat sich grundlegend geändert, sondern die Rechtslage. Im nächsten Teil geht es von der Arbeit zur Erde: zu Strom, Wasser und Rohstoffen – und zu zwei populären Geschichten über KI und den Süden, die dem Faktencheck nicht standhalten.
Teil 3 ist online: „Wessen Erde, wessen Strom?“ – 485 Terawattstunden, 7,6 Millionen Liter Wasser am Tag, über 60 Kabel in Big-Tech-Hand. Und zwei Mythen, die man sich sparen sollte.
Wo eine Aussage nur an einer einzigen Quelle hängt – wie bei der TIME-Investigation oder dem PTBS-Gutachten –, steht das ausdrücklich im Text. Zeitlich instabile Angaben sind auf dem Stand Juni 2026; die Verfahrensstände in Nairobi ändern sich. Zur Quellenbasis der ganzen Reihe: siehe die Übersicht.
- Buch Gray & Suri: Ghost Work (2019) – Verlagsseite
- Investigation TIME: OpenAI Used Kenyan Workers on Less Than $2 Per Hour to Make ChatGPT Less Toxic
- Recherche TIME: Facebook Content Moderators in Kenya Receiving a Pay Rise (Lohn-Einordnung)
- Bericht CNN Business: Facebook inflicted ‘lifelong trauma’ on Kenyan content moderators
- Urteil Court of Appeal of Kenya: Meta Platforms v Motaung & 186 others, [2024] KECA 1262
- Verfahren Amnesty International: Meta can be sued in Kenya for role in Ethiopia conflict (Verfahrensbeteiligte)
- Recherche The Guardian: Meta’s new moderators in Ghana face worst conditions yet
- Bericht Business Daily Africa: Sama to lay off 1,108 Nairobi staff after Meta ends deal
- Recherche MIT Technology Review: How the AI industry profits from catastrophe (AI Colonialism)
- Recherche Washington Post: Behind the AI boom, an army of overseas workers in ‘digital sweatshops’
- Recherche Rest of World: Scale AI’s Remotasks is dropping whole countries without explanation
- Studie (peer-reviewed) Le Ludec, Cornet & Casilli: The Problem with Annotation – France & Madagascar, Big Data & Society (2023)
- Bericht TIME: 150 African Workers for AI Companies Vote to Unionize
- Bericht Computer Weekly: Kenyan AI workers form Data Labelers Association
- Branche Inquirer: IT-BPM industry in the Philippines outpaced global growth in 2025
- Studie (peer-reviewed) Brynjolfsson, Li & Raymond: Generative AI at Work – Quarterly Journal of Economics (2025)
- Rating Fairwork: Cloudwork Ratings – Oxford Internet Institute / WZB
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