Reihe: Digitaler Kolonialismus & KI · Teil 3 von 4
  1. 1 · Wessen Daten
  2. 2 · Wessen Arbeit
  3. 3 · Wessen Erde & Strom — du bist hier
  4. 4 · Wessen Regeln
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Teil 3 einer vierteiligen Reihe darüber, wem die KI gehört. Nach den Daten und der Arbeit jetzt das Handfeste: Strom, Wasser, Metall, Kabel. Die Ebene, auf der sich am wenigsten wegdiskutieren lässt – und auf der ich euch zugleich zwei beliebte Geschichten ausreden muss.

„Die Cloud“ ist die erfolgreichste Metapher der Tech-Industrie. Sie suggeriert etwas Leichtes, Schwebendes, Ortloses – Daten, die irgendwo im Himmel liegen. Die Wahrheit ist das Gegenteil: hallengroße Rechenzentren aus Beton und Stahl, vollgestopft mit Chips, die rund um die Uhr Strom ziehen und gekühlt werden müssen, oft mit Wasser. Jede Anfrage an einen Chatbot endet in einem realen Gebäude an einem realen Ort, der dafür Energie und Kühlung verbraucht.

Und sobald man fragt, wo diese Orte stehen und was sie ihrer Umgebung abverlangen, kippt die luftige Metapher in eine sehr materielle Machtfrage. Sie ist die handfesteste dieser Reihe – und ausgerechnet hier muss ich am vorsichtigsten sein, weil über kaum etwas so viel Halbwahres erzählt wird wie über die ökologischen Kosten der KI.

Der Strom: solide Zahlen, klare Schieflage

Bei der Energie gibt es belastbare Daten, und die liefert die Internationale Energieagentur. Rechenzentren verbrauchten 2024 rund 415 Terawattstunden Strom, 2025 stieg der Verbrauch um 17 Prozent auf etwa 485 Terawattstunden; KI-fokussierte Rechenzentren wuchsen allein 2025 um die Hälfte. Das Basisszenario der IEA projiziert eine Verdopplung bis 2030 – wobei „Projektion“ ein wichtiges Wort ist: Es ist ein Modell, kein Messwert, und die Bandbreite für 2035 ist enorm.

Für unsere Frage zählt die Verteilung. Der Verbrauch konzentriert sich bislang im Norden – rund 45 Prozent in den USA, 25 in China, 15 in Europa. Aber die Lasten der nächsten Ausbauwelle – Wasser, Fläche, Netzbelastung – entstehen zunehmend dort, wo neue Standorte hochgezogen werden: im Süden. Rechenkapazität und Nutzen bleiben oben, die Nebenwirkungen wandern nach unten. Das ist das Grundmuster dieses Kapitels.

Das Wasser: dokumentierte Konflikte, ein wiederkehrendes Drehbuch

Hier wird es konkret, und hier ist die Beweislage am besten. In Chile hätte ein geplantes Google-Rechenzentrum im Großraum Santiago laut Verfahrensunterlagen 7,6 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag aus einem ohnehin angespannten Grundwasserleiter gezogen. Ein Umweltgericht gab einer Klage im Februar 2024 teilweise statt – Verstoß gegen das Vorsorgeprinzip angesichts der Megadürre. Google stellte daraufhin auf Luftkühlung um. In Uruguay, während der schwersten Dürre seit Jahrzehnten, wurde ein nahezu baugleiches Google-Projekt zum nationalen Konfliktfall; der Protestslogan lautete „No es sequía, es saqueo“ – es ist keine Dürre, es ist Plünderung. Nach Protesten wurde es verkleinert und auf Luftkühlung umgestellt.

Die identische Wassermenge in beiden Ländern ist kein Abschreibfehler, sondern dieselbe Anlagenauslegung. Und beide Fälle zeigen dasselbe Drehbuch: Die Korrektur kam erst durch Klage und öffentlichen Druck, nicht durch die ursprüngliche Umweltprüfung. In Mexiko, rund um die Rechenzentrums-Boomregion Querétaro, berichten Anwohner:innen von Wasser- und Stromausfällen nahe einem Microsoft-Standort – Microsoft bestreitet jeden Zusammenhang. Hier steht Aussage gegen Aussage; sauber belegbar ist vor allem die Intransparenz, denn standortbezogene Verbrauchsdaten veröffentlicht so gut wie niemand. In Südafrika dokumentiert der Daily Maverick Ausbaupläne, deren Stromhunger bis zu 34 Prozent der aktuellen Versorgung Kapstadts entspräche.

Ein Wort zu den Nachhaltigkeitsberichten der Konzerne, mit denen oft beruhigt wird. Googles, Microsofts und Amazons Zahlen zu „Water Replenishment“ und „water positive 2030“ sind Primärquellen nur für eines: die Eigenangabe. Sie sind nicht extern testiert, ihre Metriken nicht vergleichbar, und standortscharfe Daten für den Süden fehlen fast vollständig. Das macht sie nicht automatisch falsch – aber man sollte sie als das lesen, was sie sind: Selbstauskunft mit Interesse.

Zwei Mythen, die man sich sparen sollte

Jetzt der Teil, in dem ich gegen den eigenen Affekt anschreibe. Es gibt zwei Geschichten über KI und den Süden, die sich gut erzählen und schlecht belegen lassen – und wer sie benutzt, beschädigt seine eigene Glaubwürdigkeit.

Die erste: „In der KI steckt Kobalt aus kongolesischer Kinderarbeit.“ Die Menschenrechtslage im Kobaltabbau der DR Kongo ist real und seit Jahren dokumentiert – daran gibt es nichts zu beschönigen. Nur: Kobalt steckt überwiegend in Akkus, nicht in Servern. Die maßgebliche Übersicht des US Geological Survey über die Schlüsselmineralien in Rechenzentren führt Kupfer, Gold, Zinn, Tantal, Gallium, Germanium und seltene Erden – Kobalt nicht. Die ehrliche Brücke zur DR Kongo führt über Tantal aus Coltan, nicht über Kobalt. Wer trotzdem das stärkere Bild nimmt, weil es mehr wehtut, hat im Faktencheck verloren, bevor das Argument beginnt.

Die zweite: Agbogbloshie in Ghana, „die größte Elektroschrott-Halde der Welt“. Diese Erzählung ist in einer peer-reviewten Studie als „academic urban legend“ eingestuft – als akademische Legende. Das Gelände war rund einen halben Quadratkilometer groß, der Großteil des Materials stammte aus ghanaischem Eigenkonsum, und die Stadt hat es 2021 geräumt und abgerissen. Jede Formulierung in der Gegenwart wäre doppelt falsch.

Heißt das, mit dem Elektroschrott sei alles in Ordnung? Nein, aber die belastbare Zahl ist eine andere. Der Global E-Waste Monitor der UN weist für 2022 rund 62 Millionen Tonnen Elektroschrott aus, von denen nur 22 Prozent dokumentiert recycelt wurden; 3,3 Millionen Tonnen wurden unkontrolliert aus reichen in ärmere Länder verbracht. Das ist die Ungerechtigkeit, belegt mit Exportströmen statt mit einem widerlegten Foto-Klischee. Starke Belege machen Empörung überflüssig; schwache machen sie angreifbar.

Was sich dagegen belegen lässt, ist die Abhängigkeit selbst. Bei einigen der Rechenzentrums-Mineralien – Gallium, Germanium, Indium, Tantal – liegt die US-Importabhängigkeit laut USGS bei hundert Prozent. Und auch der Lithium-Bergbau, der vor allem die Elektromobilität speist, zeigt das vertraute Muster: Im chilenischen Salar de Atacama haben indigene Gemeinden Beschwerde gegen eine Landabsenkung von ein bis zwei Zentimetern pro Jahr eingereicht, die mit der Wasserentnahme für die Lithium-Förderung zusammenhängt. Der direkte Bezug zur KI ist hier qualitativ plausibel, quantitativ unbelegt – also nenne ich ihn als das, was er ist, und nicht als Beweisstück.

Wem der Stack gehört: Kabel, Clouds, Chips

Von der Erde zur Architektur. Wenn die Frage dieser Reihe lautet, wer die KI besitzt, dann ist die materiellste Antwort: Schaut, wem die Infrastruktur gehört, über die alles läuft.

Bei der Cloud halten nach Schätzung des Marktforschers Synergy drei US-Konzerne den Markt: Amazon mit 28, Microsoft mit 21, Google mit 14 Prozent, zusammen rund zwei Drittel des Public-Cloud-Markts. Ich schreibe bewusst „nach Synergy“, denn alle scheinbaren Bestätigungen dieser Zahl stammen letztlich von demselben Haus; ein zweiter unabhängiger Anbieter mit vergleichbaren Werten ließ sich nicht finden. Afrika und Lateinamerika sind in diesem Bild strukturell Nachfrager, nicht Eigentümer. Der größte afrikanische Rechenzentrums-Anbieter Teraco gehört mehrheitlich dem US-Konzern Digital Realty.

Und selbst der naheliegende Ausweg – Daten im eigenen Land halten – verschiebt die Abhängigkeit oft nur, statt sie aufzulösen. Senegals nationales Rechenzentrum in Diamniadio etwa wurde mit einem chinesischen Kredit finanziert und von Huawei gebaut. Die Daten liegen dann zwar im Land, aber auf Hardware und mit Wartungsverträgen, die andere kontrollieren. Datenlokalisierung ist nicht dasselbe wie Datensouveränität – ein Unterschied, der für NGOs unmittelbar praktisch ist und auf den ich in Teil 4 zurückkomme.

Bei den Unterseekabeln, durch die praktisch der gesamte interkontinentale Datenverkehr läuft, listet das Branchenhaus TeleGeography über 60 Systeme im Teilbesitz von Google, Meta, Amazon und Microsoft – 2017 waren es 20. Google ist Alleineigentümer mehrerer für den Süden zentraler Kabel. Aber hier ist Präzision wichtig, sonst produziert man selbst einen Faktenfehler: Das größte Afrika-Kabel 2Africa ist kein Alleinbesitz von Meta, sondern ein von Meta geführtes Konsortium mit afrikanischen und internationalen Telekoms. Chinas Gegenmodell, das PEACE-Kabel, gehört der chinesischen Hengtong-Gruppe. Drei Modelle konkurrieren – Carrier-Konsortien, Big-Tech-Eigenkabel, staatlich flankierte chinesische Firmenkabel. In allen dreien ist der Süden Anlandepunkt, selten Eigentümer.

Und an der Spitze, bei den Chips, ist die Konzentration am extremsten. Praktisch alle KI-Spitzenchips entstehen bei einem einzigen Auftragsfertiger, TSMC in Taiwan. Wer den Zugang zu diesen Chips kontrolliert, kontrolliert die KI – und das tun die USA über Exportregeln. Deren jüngste Wendung ist aufschlussreich: Die „AI Diffusion Rule“ hätte die Welt in Stufen eingeteilt, mit dem gesamten Globalen Süden in der zweiten Klasse. Sie wurde im Mai 2025 zurückgenommen, bevor sie wirksam wurde, und durch Einzelfallprüfungen und bilaterale Deals ersetzt. Das Regime ist von Regeln auf Verhandlungssache umgestellt: weniger formale Diskriminierung, dafür mehr Abhängigkeit vom Wohlwollen Washingtons im Einzelfall.

Hier hält die Analogie, die bei Daten zerbricht

Ein Gedanke, der die ganze Begriffsdebatte sortiert. In Teil 1 habe ich eingeräumt, dass die Extraktionsmetapher bei Daten schwächelt: Daten sind nicht-rival, man kann sie kopieren, ohne dass jemandem etwas fehlt – Ökonomen wie Jones und Tonetti haben das sauber gezeigt. Der Vergleich mit geraubtem Land trägt dort nicht recht.

Auf der materiellen Ebene dieses Teils ist es umgekehrt. Wasser, das ein Rechenzentrum in der Dürre verbraucht, fehlt den Menschen vor Ort tatsächlich. Strom, der in die Kühlung geht, steht dem Netz nicht zur Verfügung. Tantal, das aus dem Boden kommt, ist danach weg. Das sind rivale Güter im Wortsinn – hier ist die Wegnahme keine Metapher, sondern Bilanz. Die Ironie: Ausgerechnet dort, wo die Empörung am lautesten ist (Daten, „die uns gestohlen werden“), ist sie ökonomisch am schwächsten – und dort, wo sie leiser ist (Wasser, Strom, Erde), am stärksten belegbar. Wer den digitalen Kolonialismus angreifen will, sollte bei der Erde anfangen, nicht bei den Daten.

Was das für NGOs bedeutet

Zwei Dinge zum Mitnehmen.

Erstens, beim Reden über KI und Klima: Bleibt bei den belastbaren Zahlen. Energieverbrauch der IEA, Exportströme des E-Waste-Monitors, die dokumentierten Wasserkonflikte in Chile und Uruguay – das hält jeder Nachfrage stand. Kobalt-Kinderarbeit und Agbogbloshie-Fotos halten sie nicht. Der Unterschied entscheidet, ob euch ein kritisches Gegenüber ernst nimmt oder beim ersten Faktencheck abräumt.

Zweitens, bei der eigenen Tool-Wahl: Souveränität hat eine physische Seite. Wer wissen will, wie abhängig die eigene Organisation ist, kann konkret fragen – läuft das genutzte Modell auf einer US-Cloud, über wessen Kabel, auf wessen Chips? Die Antwort ist fast immer dieselbe, und genau das ist der Punkt. Echte Alternativen, von lokalen Modellen bis europäischem Hosting, sind Thema der Beratung – aber sie beginnen mit dem Bewusstsein, dass „die Cloud“ einen Besitzer hat.

Fazit

Von allen vier Ebenen dieser Reihe ist die materielle die eindeutigste – und die am wenigsten auf Empörung angewiesene. Das Wasser fehlt real, der Strom konzentriert sich real, die Kabel und Clouds gehören real wenigen Konzernen im Norden und in China. Hier braucht es keine zugespitzte Metapher; die Eigentums- und Verbrauchszahlen sprechen für sich. Wer den digitalen Kolonialismus belegen will, fängt am besten hier an, beim Handfesten, nicht beim Abstrakten.

Teil 4 folgt in wenigen Tagen: „Wessen Regeln?“ – Wer sitzt am Tisch, wenn über KI verhandelt wird, und wer nicht? Governance, Widerstand und die ehrliche Bilanz, was die Gegenbewegungen bisher erreicht haben – und was nicht.

Drei populäre Formulierungen habe ich hier bewusst gesperrt oder eingeschränkt – Kobalt, Agbogbloshie und die Cloud-Marktanteile als angeblich vielfach bestätigte Zahl. Zeitlich instabile Angaben sind auf dem Stand Juni 2026. Zur Quellenbasis der ganzen Reihe: siehe die Übersicht.

Quellen

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